Molekulargenetische Diagnostik bei Verdacht auf genetisch
determinierte Krankheitsrisiken
aus: Journal für Orthomolekulare Medizin 11;3 (2003)
Zusammenfassung
Genetische Untersuchungen können enorme Vorteile in der
klinischen Diagnostik liefern. Ein Kind aus einer Familie
mit bekannter multipler endokriner Neoplasie Typ 2 (MEN-2)
kann vor dem Schicksal eines medullären Karzinoms durch
vorsorgliche Thyroidektomie bewahrt werden, sollten
entsprechende Veränderungen der Erbsubstanz bei ihm
festgestellt worden sein. Die molekulargenetische
Diagnostik der Hämochromatose beim Erwachsenen kann durch
nachfolgende Therapie schweren Folgeschäden wie
Leberzirrhose bis hin zum Leberkrebs u.a. entgegenwirken.
Genetische Untersuchungen können sich auch dann als
sinnvoll erweisen, wenn klinische Diagnosen extrem
schwierig sind. Im Falle der Duchenne'schen
Muskeldystrophie kann durch genetische Untersuchungen des
Dystrophin-Gens auf Deletionen eine klare Diagnostik
gestellt werden. Genetische Untersuchungen auf zystische
Fibrose oder bestimmte Formen der Thrombophilie können
klinische Untersuchungen und Befunde kausal unterstützen.
Diese Beispiele illustrieren die vielfältigen Möglichkeiten
der genetischen Untersuchungen. Nicht zuletzt durch die
komplette Sequenzierung der menschlichen Erbsubstanz im
Rahmen des "human genome project" sind die Zusammenhänge
zwischen der genetischen Ausstattung eines Menschen und den
verschiedensten Krankheitsbildern offenbar geworden. Die
Bandbreite geht heute von kausal im Zusammenhang mit
klinisch-pathologischen Befunden stehenden genetischen
Veränderungen, bis hin zu Veranlagungen für bestimmte
Erkrankungen mit erhöhtem oder hohem Risiko wie zum
Beispiel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Einleitung
Genetische Untersuchungen sind alle Analysen der
Erbsubstanz anhand von DNA, RNA, sowie der Chromosomen, zur
Detektion vererbbarer, krankheitsrelevanter Genotypen,
Mutationen, Phänotypen sowie Karyotypen, für klinische
Zwecke.
In jeder der ca. 30 Billionen Körperzellen eines Menschen
befindet sich im Zellkern die Desoxyribonukleinsäure (DNS;
engl. DNA). Diese ist funktionell in verschiedene Gene
(Erbanlagen) aufgeteilt und beinhaltet den kompletten
Bauplan des individuell determinierten Menschen. Damit die
Nachkommen die gleichen Erbanlagen der Eltern erhalten,
muss eine identische Replikation der Gene erfolgen. In der
Regel liegen diese Erbanlagen in zweifacher Ausführung vor
(diploider Chromosomensatz; Ausnahme ist das Y-Chromosom
beim Mann, XY). Während eine Version des Gens (Allel) von
der Mutter weitergegeben wird, ist die zweite Erbanlage vom
Vater des Kindes weitergegeben worden. Diese Verteilung der
Erbanlagen werden durch besondere Verteilungsprozesse, die
Mitose und die Meiose, sichergestellt. Die identische
Reproduktion der Erbanlagen sowie deren gleichmäßige
Aufteilung sind wesentliche Voraussetzungen für die
Vererbung.
Die Erbanlagen der heutigen Menschen unterscheiden sich von
Mensch zu Mensch in ungefähr jedem 1000sten Baustein
(einzelne Basen der DNA: Adenin, Thymin, Guanin und
Cytosin). Im Zuge der identischen Reproduktion der
Erbanlagen wirken verschiedene Prozesse, die zu einer
Veränderung der DNS führen. Diese Veränderungen der
Erbsubstanz sind Triebfeder der Evolution und determinieren
die grundlegenden Unterschiede zwischen den einzelnen
Individuen. Ist eine Veränderung (Mutation) in der DNS der
Testes- oder Ovarialzellen (Keimbahnzellen) aufgetreten,
wird sie an die nachfolgenden Generationen weitergegeben
(vererbt).
Die unterschiedlichsten Mutationen der DNS können nun die
verschiedensten Auswirkungen nach sich ziehen. So führen
manche Mutationen zur Inaktivierung der resultierenden
Proteine, welche anhand der Erbanlagen der DNS
synthetisiert werden. Andere Mutationen hingegen führen zu
veränderten, teilweise auch zu neuen Aktivitäten der
resultierenden Proteine, mit entsprechender Änderung der
patho-physiologischen Funktionen. Treffen nun
zufälligerweise Partner zusammen, welche jeweils die
gleiche Erbanlage in pathologischer Weise verändert haben,
jedoch nicht erkrankt sind (rezessiver Erbgang) können,
nach statistischen Wahrscheinlichkeiten, von diesen beiden
Eltern jeweils die mutierte Version des Gens an die
Nachkommen weitergegeben werden. Bei bestimmten
Erkrankungen wie z.B. manche Formen von Muskelschwund,
reicht sogar schon ein mutiertes Allel aus, um die
Krankheit entstehen zu lassen (dominanter Erbgang).
Je nach Relevanz des Gens sowie der Schwere der Veränderung
können die verschiedensten klinisch-pathologischen
Erkrankungen entstehen. Bei den sogenannten monogenetischen
Erkrankungen liegt die Ursache der Erkrankung in dem Defekt
eines einzigen der ca. 35.000 Gene des Menschen begründet.
Tab. 1 Beispiele monogenetischer Erkrankungen
Cystische Fibrose(Mukoviscidose: CFTR
CBAVD: CFTR
Hämochromatose: HFE
Familiäre Taubheit: Connexin-26 (CJB-2)
Adrenogenitales Syndrom: 21-β-Hydroxylase
Mittelmeerfieber: MEFV
Brustkrebs: BRCA-1 BRCA-2
Fragiles-X: FMR-1
Friedreichsche Ataxie: Frataxin
In anderen Fällen hingegen determinieren bestimmte
Veränderungen in möglicherweise verschiedenen Genen die
Erkrankung oder den Verlauf sowie die Schwere der
Erkrankung
Tab. 2 Beispiele genetisch mitbedingter Erkrankungen
Thrombophilie: Faktor-V, Prothrombin (Faktor-II), MTHFR
Osteoporose: Collagen Typ 1,Vitamin-D-Rezeptor
Hypercholesterinämie: LDL-Rezelptor; Apolipoprotein-B
Morbus Bechterew: HLA-B27
Alzheimer: Presenilin-Gen
Hier nehmen jedoch auch andere Risikofaktoren einen
deutlichen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung. Eine
dritte Gruppe von Mutationen oder Polymorphismen
(genetische Variation in mehr als ca. 0.5% der Bevölkerung)
bedingt eine genetische Einflussnahme auf klinisch-
pathologische Erkrankungsformen unter starker Einflussnahme
multipler, exogener Faktoren (Umweltfaktoren, Lebensweisen,
Ernährung; Tabelle 3).
Tab. 3 Beispiele multifaktorieller Erkrankungen
Koronare Herzerkrankungen
Atherosklerose
Bluthochdruck
Alzheimer
Hyperhomocysteinanämie
Diese Gruppe ist am schwierigsten zu definieren und heute
im Zentrum zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen.
In allen drei Gruppen können bestimmte Umwelteinflüsse oder
Lebensweisen einen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung
nehmen. Während jedoch bei den sogenannten
monogenetischen Erkrankungen die Veränderung der DNS nahezu
ausschließlich den Verlauf der Erkrankung determiniert,
überwiegen bei der letzteren Gruppe die exogenen Faktoren
über den Einfluss der Gene (mens sana in corpora sanum).
Monogenetische Erkrankungen
Monogenetische Erkrankungen sind dadurch gekennzeichnet,
dass relevante Mutationen der betroffenen Gene klar und
sicher in Bezug zur klinisch-pathologischen
Erkrankunsformen stehen. Exogene Faktoren sind
vernachlässigbar oder gar nicht beteiligt. Ein klassisches
Beispiel monogenetischer Erkrankungen ist die Mukoviszidose
(zystische Fibrose, CF). Sie ist eine der weltweit
häufigsten autosomal-rezessiven Erkrankung (Häufigkeit in
Deutschland 1/2500) (1). Die CF wird verursacht durch
Mutationen im sogenannten "cystic fibrosis transmembrane
conductance regulator (CFTR)"-Gen. Mittlerweile sind über
1000 verschiedene CF relevante Mutationen im CFTR-Gen
beschrieben worden, welche durch direkte Sequenzierung des
entsprechenden Gens detektiert werden können. In
Deutschland ist ungefähr jeder 25. Mensch Träger einer
relevanten Genveränderung auf einem der beiden Allele
(heterozygot). Im heterozygoten Zustand ist die betreffende
Person zwar nicht erkrankt, da die zweite Version des Gens
noch intakt ist, sie kann die Mutation jedoch mit 50%iger
Wahrscheinlichkeit an die Nachkommen weitergeben.
Das Mutationsspektrum innerhalb des CFTR-Gens unterliegt
einer sehr starken, von der ethnischen Zugehörigkeit des
Ratsuchenden abhängigen, Häufigkeitsverteilung bestimmter
Mutationen (2). Die häufigste CF-relevante Mutation basiert
auf dem Verlust (Deletion) von 3 Basenpaaren der DNA
innerhalb des CFTR-Gens, der sogenannten "del F508"
Mutation (3). Allein diese Mutation ist mitverantwortlich
für ca. 70% der CF-Erkrankungen. Aus diesem Grund wird
heute nach medizinisch-wissenschaftlichen Kriterien in der
molekularen Analytik eine sogenannte Stufenanalytik
durchgeführt. Dies bedeutet nichts anderes, als dass zuerst
nach den relevantesten Mutationen (im Falle der CF die del
F508-Mutation) gesucht wird. Liegt diese Mutation in
doppelter Form auf beiden Allelen vor (homozygot), so kann
die Untersuchung hier bereits abgeschlossen werden. Weitere
Kosten entstehen dann nicht. Die zweite Stufe beinhaltet in
der Regel die Untersuchung der DNS-Probe auf weitere (35
bei der CF) relativ häufige Mutationen.
Die zweite Stufe ermöglicht in vielen europäischen
Populationen Nachweisraten von deutlich über 80%. Erst
zuletzt, wenn keine abschließenden Befunde erhoben werden
können, wird, bei dringendem klinischen Verdacht, eine
kostenintensive Komplettsequenzierung des CFTR-Gens
durchgeführt. Dieses Vorgehen sichert eine schnelle und
sichere Analytik bei niedrigstem Gesamtaufwand.
Das klinische Spektrum der Erkrankung ist breit gefächert
und extrem abhängig von der genauen Mutation des CFTR-Gens.
Milde Formen der CF sind klinisch durch allgemeine
Gedeihstöhrungen des Kindes, durch Pankreasinsuffizienz
oder rezidivierende Bronchitiden gekennzeichnet. Sie
resultieren aus Mutationen des CFTR-Gens, welche zwar die
Funktion des CFTR-Proteins beeinträchtigen, aber eine
gewisse "Restaktivität" lassen. Eine weitere Erkrankung in
Abhängigkeit von Mutationen des CFTR-Gens stellt die
congenitale bilaterale Aplasie des Vas deferens beim Mann
dar (4). Durch entsprechende Mutationen des CFTR-Gens kommt
es zu einer Aplasie der Samenleiter mit dem klinischen Bild
der Infertilität durch eine obstruktive Azoospermie oder
eine schwere Oligozoospermie. Hier kommen in der Regel eine
schwere Mutation auf einem Allel (komplett inaktives
Protein) mit einer milderen Mutation auf dem anderen Allel
(Teilinaktivierung) zusammen, wie z.B. die del F508
Mutation mit der R117H oder der 5T Mutation.
Die diversen Mutationen im CFTR-Gen resultieren folglich in
unterschiedliche Erkrankungsformen, welche nahezu
ausschließlich durch die Art der entsprechenden Mutationen
determiniert sind. Umwelteinflüsse, Lebensgewohnheiten oder
andere exogene Faktoren spielen hier keine oder nur eine
extrem untergeordnete Rolle. Aufgrund der klinischen und
der nachfolgenden molekularen Diagnostik können jedoch,
entsprechend des Krankheitsbildes, verschiedene
therapeutische Interventionen getroffen werden, welche die
Lebensqualität wie die Lebenserwartung deutlich verbessern.
Ein weiteres Beispiel monogenetischer Erkrankungen stellt
die primäre, hereditäre Hämochromatose dar, welche mit
einer Prävalenz von 1:400 die häufigste monomer erbliche
Stoffwechselerkrankung in Europa ist. Jedoch können hier
schon andere Faktoren (auch weitere, bisher unbekannte
genetische Faktoren) Einfluss auf den Verlauf und die
Ausprägung der Erkrankung nehmen. Die häufigste Mutation
findet man an der Nukleotid-Position 845 des HFE-Gens, an
der die Base Guanin durch Adenin ausgetauscht ist. Diese
Basenveränderung resultiert in einem Austausch der
Aminosäure Cystein durch Tyrosin an Position 282 der
Aminosäurekette (C282Y) (5). Homozygote Träger dieser
Mutation (ca. 0,25% der Bevölkerung) sind durch eine
deutlich gesteigerte Eisenresorption im Darm gekennzeichnet.
Im Verlaufe der Erkrankung kommt es somit zu einer
Eisenüberladung des Organismus mit diversen pathologischen
Prozessen wie Leberzirrhose, Diabetes, endokrinologische
Störungen sowie Herzarrhythmien oder Störungen der
Pankreasfunktion. Bei dieser Erkrankung sind die weiblichen
Patientinnen durch physiologische Blutverluste vor einer
Eisenüberladung etwas geschützt. Bei gesicherter Diagnose
über klinische und molekulargenetische Diagnoseverfahren
empfiehlt sich als Therapie ein regelmäßiger Aderlass. Mit
dieser relativ einfachen Behandlungsform kann einer
Eisenüberladung entgegengewirkt werden. Die Hämochromatose
ist eine deutlich unterdiagnostizierte Erkrankung. Dieses
resultiert einerseits aus dem breiten, unspezifischen
Krankheitsbild, zum anderen werden Lebererkrankungen in der
Familienanamnese oftmals in Zusammenhang mit anderen
Risikofaktoren wie Alkohol oder Hepatitis gesehen und nicht
angemessen abgeklärt.
An dieser Stelle können viele weitere Beispiele
monogenetischer Erkrankungen genannt werden. So basiert
eine häufige Form der familiären Taubheit auf Mutationen im
Connexin-26 Gen, verschiedene Formen des Muskelschwundes
(Dystrophie, Atrophie), je nach Art der Erkrankung, auf der
Veränderung genau definierter Gene. Allen gemeinsam ist
jedoch die starke Dominanz der Genveränderungen gegenüber
anderen Faktoren am pathologischen Geschehen.
Genetisch mitbedingte Erkrankungen
Genetisch mitbedingte Erkrankungen sind dadurch
gekennzeichnet, dass eine starke genetische Komponente die
Erkrankung determiniert, andere Risikofaktoren jedoch eine
deutliche Rolle an der Ausprägung des klinischen
Krankheitsbildes besitzen (Tabelle 2). Da die Übergänge
von monogenetischen Erkrankungen ohne den Einfluss anderer
Risikofaktoren bis zu den multifaktoriellen Veranlagungen
fließend sind, ist eine exakte Abgrenzung der
unterschiedlichen Gruppen mitunter sehr schwierig
(Abbildung 1); neuere Forschungen lassen die Gewichtung
genetischer wie exogener Faktoren manches mal neu
erscheinen. Als genetisch mitbedingte Erkrankung kann zum
Beispiel die Thrombophilie gelten. Auch hier ist das
klinische Spektrum der Auffälligkeiten breit. Es reicht von
den tiefen Beinthrombosen über den Schlaganfall bis hin zu
den habituellen (rezidivierenden) Aborten. Sicher geklärt
ist hier unter anderem ein zugrundeliegender Defekt im Gen
für den Gerinnungsfaktor V (6).
Der Gerinnungsvorgang ist ein sich kaskadenartig
verstärkender Prozess unter Bildung eines Thrombus zum
Blutgefäßverschluss nach Verletzungen. Ein gegenläufiger
Prozess sorgt für einen Stop in der Gerinnungskaskade. Ein
wesentlicher, negativer Regulator der Gerinnung ist das
aktivierte Protein C, welches an Faktor Va bindet und
diesen inaktiviert. Etwa 5% der europäische Bevölkerung ist
nun Anlageträger (nur ein Allel betroffen) einer Mutation
der DNA an Position 1691 des Faktor V Gens, wo ein Guanin
durch ein Adenin ausgetauscht ist (G1691A, Leiden-
Mutation). Dieser Austausch resultiert in einer gestörten
Bindung des aktivierten Protein C (APC-Resistenz) an den
Faktor Va und somit zu einer übermäßig starken
Blutgerinnung. Alleinig durch die Anlageträgerschaft dieser
Mutation (heterozygot) erhöht sich das Risiko für z.B.
Thrombosen um das ca. 5-10-fache gegenüber der
Durchschnittsbevölkerung. Ist diese Mutation auf beiden
Allelen zu finden (homozygot), so erhöht sich das Risiko
einer Thrombose sogar um das ca. 100-fache.
Ebenso wie die Leiden-Mutation des Faktor V Gens (APC-
Resistenz) führt die sogenannte G20210A Mutation im
Prothrombin Gen (Austausch der DNA-Base Guanin an Position
20210 durch Adenin) zu einem deutlich gesteigerten
Thromboserisiko durch Erhöhung des Prothrombin Spiegels und
somit zu erhöhter Hyperkoagulabilität (7). Etwa 2% der
Bevölkerung sind Anlageträger dieser Veränderung und
lebenslang in einer erhöhten Risikosituation. In seltenen
Fällen können sowohl die Faktor V Mutation als auch die
Prothrombin (Faktor II) Mutation bei einer Person zusammen
auftreten. Hier kumuliert das Thrombose-Risiko auf das bis
zu 500-fache Risiko gegenüber der Normalbevölkerung.
Ähnlich erhöhte Risiken findet man dann auch bei den
anderen klinisch-pathologischen Folgen der Thrombophilie
wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Fehlgeburten u.a.. Die
unterschiedlichen Risiken können jedoch, nach
entsprechender molekularer Diagnostik, durch entsprechende
Therapien deutlich reduziert werden. Niedermolekulare oder
andere Heparine und/oder Acetylsalicylsäure werden oftmals,
auch präventiv, eingesetzt.
Der deutliche Einfluss exogener Faktoren bei den
beschriebenen Thrombophilien wird deutlich, wenn
Mutationsträgerinnen Kontrazeptiva einnehmen. Unter dem
Einfluss synthetischer Östrogene steigt das per se schon
deutlich gestiegene Thromboserisiko dramatisch an. Auf der
anderen Seite erleiden jedoch nicht 100% der von einer
Mutation betroffenen Patienten zwangsläufig ein
thrombotisches Ereignis. Hier wird der Unterschied zu den
weiter oben angeführten monogenetischen Erkrankungen
besonders deutlich, wo Mutationen nahezu in allen bekannten
Fällen eine Erkrankung bedingen.
Zu den genetisch mitbedingten Erkrankungen zählen auch
andere Krankheiten, wie Morbus Bechterew, Atherosklerose,
Bluthochdruck oder Osteoporose. Bei der familiären
Osteoporose stehen Veränderungen von 2 unterschiedlichen
Genen im Vordergrund, das Gen für das Typ-I-Kollagen
(COLA1) (8) und das Gen für den Vitamin D Rezeptor (VDR)
(9). Beim COLA1 Gen sind zwei Varianten (S und s) bekannt,
welche direkt mit der Knochendichte assoziiert sind.
Heterozygote Träger der Mutation (S/s) haben eine um 3%
reduzierte Knochendichte, homozygote Träger der Mutation
sogar eine um 6% reduzierte Knochendichte. Ähnlichen
Einfluss nimmt ein beschriebener Polymorphismus im VDR Gen.
Homozygote Träger des sogenannten B-Allels (B/B) besitzen
eine um 3% niedrigere Femoralknochendichte sowie eine um
ca. 10% verminderte Vertebralknochendichte, u.a. bedingt
durch verstärkte Abbauprozesse.
Natürlich gibt es auch nicht genetisch bedingte Gründe für
die verschiedenen Erkrankungen. Durch eine ausführliche
Anamneseerhebung (über drei Generationen) lässt sich jedoch
der Verdacht auf familiäre (erbliche) Erkrankungen erhärten
und somit werden unsinnige Analysen sowie unnötige Kosten
vermieden.
Multifaktorielle Erkrankungen
Der Bereich der multifaktoriellen Erkrankungen ist in
seiner Abgrenzung relativ ungenau. In unzähligen
Untersuchungen wurden bestimmte Assoziationen mit
genetischen Merkmalen identifiziert; über deren
tatsächliche Bedeutung besteht jedoch häufig Unklarheit. Je
mehr Faktoren an der Entstehung eines Krankheitsbildes
beteiligt sind, um so relativer muss ein einzelner Faktor
betrachtet werden. Erschwerend kommt hinzu, dass
verschiedene, unabhängige Ursachen das gleiche klinisch-
pathologische Erkrankungsbild verursachen können. In vielen
Fällen werden folglich bestimmte Mutationen oder
Polymorphismen als ursächlich und kausal mit einer
Erkrankung beschrieben, tatsächlich jedoch sind die
genetischen Prozesse noch gar nicht in der notwendigen
Tiefe durchdrungen, oder aber die Bedeutung der zu
messenden genetischen Faktoren ist verschwindend gering.
Als Beispiel soll hier der familiäre Brustkrebs und das
hereditäre Ovarialkarzinom dienen. Medizinisch wie
wissenschaftlich sicher dokumentiert ist der Zusammenhang
dieser Erkrankungen mit Mutationen in den Genen BRCA-1 und
BRCA-2 (10). Der Einfluss exogener Faktoren ist bei
betroffenen Patienten relativ gering, das Risiko an der
entsprechenden Krebsform zu erkranken ist immens hoch.
Daher zählen relevante Mutationen in diesen Genen zu den
monogenetischen Erkrankungen. Ähnliches gilt für Mutationen
im Tumor Suppressor Gen p53, was zum sogenannten Li-
Fraumeni-Syndrom mit multiplen Krebserkrankungen führt. Die
Penetranz der Krebserkrankungen bei bestimmten Mutationen
liegt hier deutlich über 90%. Auf der anderen Seite wird
bei diesen Krebserkrankungen die Untersuchung auf bestimmte
Polymorphismen in den Genen von Stoffwechselenzymen wie
z.B. den Varianten der N-Acetyltransferasen (NAT1 oder
NAT2), der Glutathion-S-Transferasen und der Cytochrom P450
Varianten (Cyp1A1, Cyp1A2) angeboten.
Die selben Parameter werden hier auch bei den
unterschiedlichsten Erkrankungen und Lifestyle-Risiken wie
Mukoviszidose, Rauchen, Asthma, Stress oder Endometriose
(uvm) angeboten. Wenn die Häufigkeit einer bestimmten
Erkrankung nur im vernachlässigbaren Größenbereich mit
einer bestimmten genetischen Ausstattung korreliert, sollte
die Sinnhaftigkeit der Untersuchungen doch in Frage
gestellt werden.
In diesem Zusammenhang muss auch die Frage gestellt werden,
was die Patienten mit "positiven" Befunden anfangen sollen.
Können Raucher getrost weiter rauchen, wenn die
Verstoffwechslung der inhalierten Gifte schneller abläuft
als bei anderen? Bekommt eine Patientin Brustkrebs,
Eierstockkrebs oder eine andere Erkrankung, wenn ein
Polymorphismus im NAT-Gen vorhanden ist? Sollte der
Polymorphismus hingegen nicht gefunden werden, darf die
Patientin dann auf bewährte Früherkennungsuntersuchungen
verzichten?
Manche genetischen Analysen können jedoch auch in solchen
Fällen sinnvoll sein, wenn die direkte Penetranz der
Erkrankung beim Vorliegen eines genetischen Merkmals
relativ gering ist. Im Bereich der Alzheimer Erkrankung
kann hier das Gen für die Apolipoprotein-Varianten (ApoE-
2,3,und 4) angesprochen werden (11). Die Variante ApoE-4
wird bei homozygoter Ausprägung mit dem Auftreten der
Alzheimer Erkrankung in Zusammenhang gebracht. Es wurde
gezeigt, dass ca. 65% der an Morbus Alzheimer erkrankten
Patienten wenigstens ein Allel der ApoE-4 Variante tragen,
12-15% der Patienten sind homozygot. Auf der anderen Seite
ist dieser Polymorphismus relativ weit verbreitet (27%
in der Normalbevölkerung), die wenigsten davon
erkranken indes an Morbus Alzheimer. Ist jedoch ein Patient
klinisch sicher an Morbus Alzheimer erkrankt, oder besteht
der Verdacht nach gründlicher Erhebung der Familienanamnese
auf hereditäre Formen, kann diese Diagnostik Hinweise auf
eine familiäre Belastung ergeben, und somit der
Differentialdiagnose zugeordnet werden.
Weitaus größere Bedeutung im Rahmen der Alzheimer
Erkrankung scheint das sogenannte Presenilin-Gen zu
besitzen. Die ApoE Varianten können dann, möglicherweise in
Verbindung mit anderen genetischen Faktoren, bei
vorliegender Mutation im Presenilin Gen Einfluss auf den
Verlauf der Erkrankung nehmen.
Von ähnlicher Bedeutung in der Diagnostik ist die Analyse
der Methylentetrahydrofolatreduktase-Genotypen (MTHFR) zu
sehen. Hier ist ein Polymorphismus der DNA an Position 677
mit einem Austausch der Base Cytosin durch Thymin (C677T)
beschrieben, welcher in homozygoter Anlage mit der
Hyperhomocysteinämie in Beziehung steht (12).
Hyperhomocysteinämie steht wiederum im Zusammenhang mit
Thrombosen, koronaren Herzkrankheiten sowie mit
rezidivierenden Aborten. In gesunden Probanden wurde dieser
homozygote Genotyp bei ca. 10% gefunden. Bei Patienten mit
den oben angeführten Erkrankungen jedoch wurde der
homozygote Genotyp in 15-20% der Fälle nachgewiesen. Es ist
wiederum offensichtlich, dass die molekulare Diagnostik auf
die Varianten des MTHFR-Gens nicht als "Screening"
Untersuchung für Thrombosen, koronare Herzerkrankungen oder
Abortneigung durchgeführt werden sollte. Die Aussagen sind
in solchen Fällen für den individuellen Ratsuchenden
nichtssagend. Im Falle der Differentialdiagnostik jedoch,
nach klinischer Diagnostik oder nach humangenetischer
Betrachtung der Anamnese, ist die Untersuchung hilfreich
bei der klinisch-pathologischen Zuordnung der
zugrundeliegenden Erkrankungsform und der Therapieplanung.
Schlussfolgerung
Wir haben versucht eine Abgrenzung von klar definierten,
monogenetischen Erkrankungen zu den multifaktoriellen
Erkrankungen zu treffen. Die Übergänge der Einteilungen
sind fließend und abhängig von weiteren Erkenntnissen durch
zukünftige Forschung. Während bei den monogenetischen
Erkrankungen der Kausalzusammenhang von Genmutation und
Erkrankung gesichert ist, und andere Faktoren nahezu
vernachlässigbar scheinen, dominieren bei den
multifaktoriellen Erkrankungen andere Einflüsse
(Umweltfaktoren, Ernährung, Stress u.a.) über die
genetischen Dispositionen. Sie sind somit das Ergebnis
eines komplexen Zusammenspiels unterschiedlichster exogener
wie endogener Parameter. In allen Fällen jedoch sollte als
Voraussetzung einer molekularen Diagnostik eine bestimmte
Frage- bzw. Indikationsstellung stehen. Wird aufgrund der
aktuellen klinischen Befund sowie der Eigen- und/oder
Familienanamnese ein evidentes Risiko ermittelt, sollten
die medizinisch-wissenschaftlich sinnvollen Möglichkeiten
(auch die Grenzen) der genetischen Labordiagnostik
abgeklärt werden. Die Patienten sollen ausführlich über die
Bedeutung sowie der Tragweite der Diagnostik aufgeklärt
sowie deren Zustimmung eingeholt werden. In einer
ausführlichen Beratung soll der Patient über die
Konsequenzen für sich selber, aber auch für seine Familie
informiert werden, um zu einer eigenverantwortlichen
Entscheidung kommen zu können (Tabelle 4).
Die durchgeführten molekularen Untersuchungen sollten
weiterhin in sinnvollem Zusammenhang zur entsprechenden
Indikationsstellung stehen (nicht alles was machbar ist,
muss auch gemacht werden). Viele Zusammenhänge von
genetischen Variationen mit unterschiedlichen Erkrankungen
sind in großen Studien gezeigt worden. Die signifikanten
Zusammenhänge sind oftmals eindeutig und wissenschaftlich
von höchstem Interesse. Es nützt dem einzelnen Patienten
als Ratsuchenden jedoch wenig, wenn zwar signifikante
Zusammenhänge in großen Gruppen bestehen, diese jedoch
keine sichere (sinnvolle?) Aussage auf den einzelnen
Erkrankten zulassen.
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http://www.gfhev.de
Impressum:
Dr. rer. nat. Frank Austrup
SV für molekulare Diagnostik
Fachimmunologe (DGfI)
Mitglied der Ethikkommission der Universität
Witten/Herdecke
Haltern am See
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